Dienstag, 20. September 2016

24 Wochen

..., so heißt der Film, den ich als Vorpremiere im Weimarer Kommunalen Kino am Sonnabend gesehen habe.  Die Regisseurin war ebenfalls anwesend und lud zum Gedankenaustausch mit dem Publikum ein. Ich hatte einen reichlichen Vorrat an Tempos dabei, ging es doch um ein emotional sehr bewegendes und auch weitgehend tabuisiertes Thema - ein Spätabbruch einer Schwangerschaft.
Zum Film: Astrid und Markus stehen mit beiden Beinen fest  im Leben. Astrid lebt und liebt ihren Beruf als Kabarettistin. Sie ist schwanger und thematisiert diese Schwangerschaft auch auf der Bühne. Er unterstützt sie als Manager besonnen und liebevoll. Doch als die beiden eben dieses, ihr zweites Kind, erwarten, wird sich ihr Leben für immer  ändern.  Nach einer Routineuntersuchung bekommen sie die erste unerwartete Diagnose: Trisomie 21. Sie wollen das Kind behalten, informieren sich über das Besondere an diesen Kindern  und schmieden Pläne für die Zeit  nach der Geburt. Das Kindermädchen aber geht, weil sie "solche Kinder eklig findet". Bei einer weiteren Untersuchung stellt sich allerdings heraus, daß außerdem noch ein schwerer Herzfehler besteht. Und während Heilungspläne, Ratschläge und Prognosen auf sie niederprasseln, stößt Astrids und Markus' Beziehung an ihre Grenzen. Je mehr Zeit vergeht, desto klarer erkennen sie, daß ihnen niemand die Entscheidung abnehmen kann. Letztendlich ist es Astrid, die die Entscheidung treffen muß und trifft.
       Wie ich im vergangenen Post schon andeutete, brauchte ich doch weniger Taschentücher als vermutet. Die Tränen zurückhalten konnte ich aber nicht, als die Hebamme das Prozedere bei einem Spätabbruch beschrieb. Oh man, das geht echt ans Herz einer Mutter. Die Szene war einerseits sehr bedrückend, andererseits aber auch beeindruckend, denn die Hebamme war sehr einfühlsam und gab der werdenden Mutter das Gefühl, daß egal, wie die Entscheidung auch fällt, sie niemand verurteilen wird. Das klang alles sehr authentisch, denn die Regisseurin arbeitete erstens in einem echten Krankenhaus und zweitens mit Laiendarstellern. So war die Hebamme eben eine wirkliche Hebamme und die Ärzte waren echte Ärzte. (Das war auch am leichten sächsischen bzw. ausländischen  Akzent auszumachen.) So  klangen die Texte eben nicht wie auswendig gelernt, sondern wie in einem echten Gespräch. Die Regisseurin erklärte später, daß sie den Schauspielern sozusagen die Aufgabe gab, authentische Reaktionen bei den Ärzten hervorzurufen. Klar, die können solche Szenen mit Laiendarstellern ja nicht wiederholt drehen, ohne dieselbe Glaubwürdigkeit zu erreichen. Beeindruckend waren auch Sequenzen, die während Operationen an Föten im Mutterleib entstanden sind. Überhaupt ist das Motiv Wasser allgegenwärtig und trägt zum großen Gelingen auf der ästhetischen Ebene bei. Hauptdarsteller sind übrigens Julia Jentsch und Bjarne Mädel. Letzteren kenne ich als "Bär" Dietmar Schäffer aus der Serie "Mord mit Aussicht" und als Schotty beim "Tatortreiniger". Der Name Julia Jentsch ist nur mir aus dem Film "Die weiße Rose" um Sophie und Hans Scholl bekannt. Während der Hauptdarsteller Bjarne Mädel die erste Besetzung für die Regisseurin war, dauerte die Suche nach der weiblichen Hauptdarstellerin über ein Jahr, weil keine Schauspielerin dieses schwierige Thema angehen wollte. Leider erfuhren wir nicht, wer alles angefragt wurde, denn die Regisseurin mußte weiter nach Jena, wo eine weitere Vorpremiere stattfand. 
Die Sprachmodulation der Regisseurin Anne Zohra Berrached und ihre angenehme Stimme riefen vage Erinnerungen hervor. Ich könnte mich aber nicht erinnern, ihr schon einmal begegnet zu sein. Beim späteren Recherchieren fand ich heraus, daß sie aus Erfurt stammt (was von hier aus nur einen Steinwurf weg ist). Auch der sächselnde Einschlag der Laiendarsteller klärte sich, denn sie lebt in Leipzig, wo sicher der Film gedreht wurde. Er wurde als Filmakademie - Diplomfilm schon mit mehreren Preisen ausgezeichnet und kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos.
Sensibilisiert für die Thematik wurde ich auch durch ein Buch, was ich vor gut 2 Wochen aus der Bibliothek mitnahm.
 
 
13 Mütter berichten von ihrem Leben mit dem Außergewöhnlichen. einem Kind mit Down-Syndrom. auch die Autorin ist Mutter einer Tochter mit diesem Plus. Mütter und Väter beschreiben die Beziehung zu ihren Kindern, die einfach nur sind, was sie sind: Kinder ihrer Eltern, die sie so lieben, wie sie sind. So wie andere Eltern auch ihre Kinder lieben (sollten).
In diesem Sinne, paßt auf Euch auf und auf alle, die Ihr liebt.
 
Petruschka

Kommentare:

  1. Ein ganz schwieriges Thema, vor dem - glücklicherweise meist nur gedanklich - sich alle Eltern mal auseinander setzen müssen.

    Nana

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  2. Liebe Petra,
    das klingt gerade so, als müsste ich mal ins Kino... Danke für die ausführliche Beschreibung Deines Filmerlebnisses!
    Valomea

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  3. Liebe Petra,
    vielen Dank für deine ausführliche und sehr gefühlvolle Rezension. Da schließe ich mich Valomea an. Ein Kinoabend ist zwingend zu empfehlen.

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